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Der Weg war nicht umsonst
Familie Burgard meistert das Abenteuer "Vogalonga"



 

 

Kurzbericht von Achim Burgard.


Vendig, 31. Mai 2009.

Wir haben aus dem Rudersport erfahren, dass es diese Regatta überhaupt gibt und wir waren sofort Feuer und Flamme und wollten dahin. Nach guter NRG Tradition, völlig unvorbereitet und unorganisiert, aber unbedingt hin.

Es fing schon an mit Bootsauswahl, nachdem wir die Wandervogel Probe gefahren waren und schon den Segen, sie mitzunehmen, haben wir von Duisburg das Angebot bekommen, man bringt uns ein Boot (Donau) mit.
Sonst wäre ich nach Duisburg gefahren und hätte die Wandervogel hingebracht, damit sie dann wieder 1200 km in die andere Richtung gekarrt würde.
Also gut, geschafft. Campingplatz gebucht, weil Dirk Sagemühl (RTHC Leverkusen) ein abgesagtes Bungalow übrig hatte, von denen, die im Oktober des Vorjahres sich gekümmert und gebucht hatten. Aber so etwas wie Vorplanung brauchen wir ja nicht.
Nächster Punkt: unsere beiden Autos gehörten eigentlich in die Werkstatt und nicht nach Venedig 2000 km über die Feiertage. Aber gut, kein Problem, ippe, dippe, dapp und du bist ab, also den nehmen wir!

Freitags um 15.00 endlich los, am Pfingstwochenende, aber wieder Glück gehabt, kein Stau, aber trotzdem, gute NRG Manier, Ankunft 02:45 nachts auf dem Campingplatz.
Am nächsten Tag, wieder Glück gehabt, das Boot ist da und liegt abfahrbereit, aufgeriggert mit Abdeckungen da, Danke Jürgen, unglaublich. Schnell noch eine NRG-unübliche Probefahrt, alles ok., wir haben alles richtig gemacht, denkste. -strahlender Sonnenschein, wenn uns die auf der Lahn jetzt sehen könnten, der reinste Urlaub hier. Exotisch, diese Wikingerschiffe und Gondeln, alles, was irgendwie schwimmt. Guck Dir diese Weicheier an, die kleben ja die Ausleger gegen Wellen ab, Blödsinn.
Abends Spaghetti vom Kocher, weiter, nächster Tag, nein, Bummeln in Venedig- traumhaft! Nächster Tag, der Himmel dunkelgrau, die Brise steif, die See rauh! Und ein Gedrängel an der Pritsche, 1500 Boote mit 6100 Teilnehmer sind gemeldet. Familie Burgard fährt vor, nebst 2 Kindern in Schwimmweste zum Familienausflug und geht zum Boot, das gleich an der Pritsche liegt und steht 5 Minuten später mit dem fertigen Boot in der Hand auf der Pritsche.
Hinter uns kochende Wut, von Menschen, die schon sehr lange in der Schlange stehen, erste Ruderer kollabieren vor Enttäuschung, andere wollen uns lynchen. Nehme lieber die neuerworbene Flagge von Venedig ans Heck als die NRG-Flagge. Aber es hat uns keiner zu fassen bekommen, wir waren schon auf Wasser und konnten das Wutschnauben von dort weiterbeobachten. Wieder Glück gehabt und richtig gemacht, gut so!
Die Regatta startet vor dem kaum bekannten Markusplatz um 9.00, jetzt war es 7.30! Hätten wir länger als bis 5.30 schlafen sollen, haben wir doch was falsch gemacht? Also los, wir kommen um die Ecke: eine graue Wand aus Wolken und Wellen gegen uns, kaum voranzukommen! 4 km vom Festland zur Stadt Venedig an der bekannten langen Brücke entlang.
Das Drama nimmt seinen Lauf. Permanenter Sturm. Die Wellen kommen von schräg vorne, alle an unserer majestätischen Bugabdeckung vorbei und plätschern übers Dollbord rein oder den armen Kindern auf dem Steuerplatz ins Gesicht. Auf geradem Weg würden wir ziemlich schnell absaufen. Irgendwas fehlt im Boot, ah die Pumpen! Hab in Erwartung auf diesen Spaziergang nur ein professionelles Schöpfgerät mitgenommen, eigentlich eher zum reinpi.. na, aus. Aber vor Wellen haben wir noch lange keine Angst!
Also schreie ich der Steuerfrau Liza zu, wie sie steuern soll. Kreuze so hin und her, dass die Wellen immer senkrecht oder parallel kommen. Sie hat´s tapfer versucht, aber erstens hat sie mich im Sturm und der Gischt kaum verstanden und zweitens war so ein Druck auf dem Steuer, dass sie es nicht schaffen konnte.
Die Wellen ergießen sich unaufhörlich ins Boot und wir kommen nicht voran. Das Boot ist schon halb voll und das Land noch weit entfernt, wir können nicht aufhören zu rudern und schöpfen, weil wir dann gegen die Brücke oder andere Pfeiler im Wasser treiben, und die Kinder schaffen es nicht. Adrienn, die auf Schlag sitzt sagt mir später, dass Aliz, die auf dem Bodenbrett vorm Steuersitz sitzt, bis zum Bauch im Wasser gesessen hat.

Die Panik bricht aus, die besorgte Mutter will umkehren. Ich fühle mich in meiner Ehre getroffen, umkehren? Noch vor dem Start, nach 1000 km Anfahrt endlich hier, und nur bis zu dieser dämlichen Brücke? Niemals! Das hier ist noch lange kein Grund, sowas habe ich in 27 Jahren rudern schon oft genug erlebt und die Regattastrecke ist nur 30 km lang, ein Spaziergang von Laguneninsel zu Laguneninsel.
Ich versuche Zebi bei ihrer Ehre als erfolgreiche Marathonrudererin zu packen, wie oft hat sie schon Genf und Budapest-Baja gefahren 160 und 170 km lang? Wir kriegen nach größtem Streit nochmal die Kurve und erreichen gerade noch die Stadt Venedig, in den sicheren Kanal. Hier liegen sie alle und lecken sich die Wunden, alles schöpft die Boote leer, wir auch.
Stimmung am Nullpunkt. Wir machen einen Deal! Wir fahren diesen wunderschönen, ruhigen Canale Grande bis zum Start am Markusplatz und entscheiden dann. Aber ich will wenigstens starten, mindestens das! Abgemacht! Gesagt getan, die Stimmung lockert sich, angesichts der traumhaften Kulisse und des glatten Wassers, bis zum Markusplatz, hier hat´s, sagen wir, Rheinniveau bei Schifffahrt, ok. geht.
Gestern fuhren hier noch die großen Pötte á la Aida und Traumschiff. Wir rudern los, haben den Massenstart der 6000 schon verpasst, aber es sind noch genug Boote um uns rum, hinter jeder Landzunge eine Diskussion über den Sinn, viele Boote kommen uns entgegen, die aufgegeben haben, aber wir doch nicht! Dann verlassen wir die Insel Venedig. Über die freie Lagune zur nächsten Insel, der Gemüseinsel.

Der Sturm ist wieder da, genau von vorn, wir kommen schwer voran. Aber wir sehen schon das Hauptfeld, am Horizont! Dicker Stau. Alle wollen unter den Schutz der nächsten Insel, das Geheule ist groß im Boot, alle wollen zurück, halten mich für einen Schinder, der sie da durch peitschen will. Irgendwann mitten auf der freien Fläche habe ich genug, ich kann das Boot nicht alleine ziehen gegen den Sturm. Ich gebe nach, wutentbrannt, wie selten in meinem Leben und beschließe, mich sofort scheiden zu lassen, sobald ich aus diesem Boot ausgestiegen bin.

Wir fahren zurück, wie viele andere auch. Zurück durch Start/Ziel von der falschen Seite. Ich will im Meer versinken vor Scham. Da hören wir, wie unsere Startnummer aufgerufen wird, in italienisch, man winkt uns ran. Wollen sie uns fragen, was wir hier wollen? Nein, zu meiner Überraschung reichen sie uns, auch für beide Kinder, unsere Medaillen und Urkunden. Ich weiß nicht, ob ich mich schämen oder freuen soll. Jedenfalls eine sehr faire Geste!

Wir fahren zurück zur Rialtobrücke und finden dort einen Anlegeplatz und entspannen uns. Wir verbringen noch Stunden an diesem schönen Ort und erleben den Zieleinlauf der gesamten Flotte, die durchgefahren ist. Was für ein Schauspiel, Zuschauer versammeln sich um die Brücke, die Ruderer und Paddler grüßen und machen Kunststücke, der Höhepunkt der Veranstaltung und wir hätten es beinahe verpasst. Das hat mich ein bisschen getröstet. Das war ein Fest! Und der Entschluß steht, nächstes Jahr sind wir auf jeden Fall wieder hier, mit Pumpen und geschmücktem Boot, wie die anderen!

Auf dem Rückweg wieder an der Brücke, immer noch Sturm, verpassen wir die Einfahrt zu "richtigen" Seite und fahren auf der windabgewandten Seite, hätten wir das bloß schon morgens schon getan, göttliche Ruhe, wir sehen durch die Brückenbögen, wie die anderen kämpfen, draußen. Zurück am Ruderverein hören wir von dem Drama, wie es den anderen erging, meine Ehre kehrt langsam zurück.
Aus der italienischen Zeitung erfahren wir später, dass über 100 Boote aufgegeben haben (bestimmt noch mehr) und über 50 Boote gekentert und/oder zerfetzt wurden, 30 Menschen mussten in die Notaufnahme, Polizei und Feuerwehr hatten Großeinsatz.

Bei "youtube" kam man Horrorfilme sehen, "vogalonga che disastro" Dieser Sturm hat sogar einen spezielllen Namen bei den Venezianern (Bora und Tramontana) und langsam, schon wieder Zuhause, wurde mir klar, das die besorgte Mutter Recht hatte und es unverantwortlich gewesen wäre, sie alle dadurch zu peitschen.

Aber schön wars trotzdem. Arriverderci Venezia bis 2010!




Links:
Fotoalbum Vogalonga von Achim
Homepage Vogalonga

 




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