Der Traum unseres langjährigen
Fahrtleiters Albert Langert war, einmal über masurische
Seen zu rudern. Viel Arbeit steckte schon in diesem Projekt, als
er durch Krankheit schweren Herzens absagen mußte. Sein Mitstreiter,
Wolfgang Geiß setzte aber die Vorbereitungen fort,
wobei er in Jochen Rauwolf eine tatkräftige Unterstützung
fand..
Nachdem die in Wilkasy
stationierten Ruderboote zwischenzeitlich von 3 Arbeitsgruppen restauriert
wurden, an denen sich maßgeblich auch das Werkstatteam der
Neuwieder Ruder-Gesellschaft beteiligt hatte, starteten am 07. Juni
20 AHs mit "Germanair" von Köln nach Warschau, um
mit einem gecharterten Bus, der uns bei allen Ruderfahrten begleitete,
in 4½ Stunden nach Wilkasy zu fahren. Die Unterkunft im dortigen
Country Hotel ließ keine Wünsche offen.
1.
Rudertag. Mit 4 Vierern auf dem Hänger, den ein
zusätzlicher Bulli des Busunternehmers zog, ging es
zum Startplatz am "Goldopiwo" See, den Herbert
Scheid "Goldbiersee" nannte. Piwo heißt das
Bier auf polnisch. Beim Boote aufriggern könnte man noch mehr
10er Schlüssel gebrauchen. Das muß noch geübt werden,
wird gefrotzelt.
Noch war es Windstill, als wir vom Ufer ablegten. In der Mitte des
Sees änderte sich das. Wind kam auf und die Schaumkronen wurden
allmählich immer größer. Das Rudern auf einem See
ist doch etwas anderes als auf dem Rhein, dachten einige ängstlich.
Wir erreichten aber alle ohne Probleme das andere Ufer. Schilf,
soweit das Auge reichte und die Suche nach dem Eingang zur "Sapina",
einem schmalen Fluß, kostete uns viel Zeit. Mühsam bahnten
wir uns mit Paddelhaken einen Weg durch den Schilfgürtel bis,
wie aus dem Boden gestapft, die Schleuse vor uns auftauchte. Darius,
unser polnisch sprechender Mitruderer, bewährte sich nicht
nur hier als Dolmetscher.
Da alle 4 Boote in die Kammer
paßten, war das Hindernis schnell überwunden und wir
erlebten eine völlig der Natur überlassenen Wasserlandschaft.
Kristallklares Wasser schlängelte sich in engen Windungen durch
einen Urwald. Die Aufmerksamkeit der Steuerleute richtete sich besonders
auf die im Wasser liegenden, umgestürzten Bäume, die wie
Krokodile im Wege lagen. Immer wieder klang es aus den Booten: "Ah,
wie toll, phantastisch, wunderschön". Mit der Einfahrt
in den "Wilkus" See war die Fahrt durch den Dschungel
zunächst zu Ende. Der Himmel verfinsterte sich, Sturm kam auf
und es entlud sich ein Wolkenbruch, daß das Wasser über
die Bodenbretter stieg. So plötzlich wie das Unwetter kam,
so schnell war es auch wieder vorbei und die Sonne wärmte und
trocknete.
Von beiden Ufern des Sees wucherte
der Schilf wieder so nah an die Boote, daß an ein normales
Rudern nicht mehr zu denken war. Wieder in der "Sapina"
ging es 2 Km in südlicher Richtung, und im See "Pozezdrze"
wieder nach Norden. Die nun folgende 5 Km lange Strecke der "Sapina"
wechselte mit Schilfgürtel und Urwald. Ich würde die gerne
noch mal fahren, aber dann, zusätzlich pro Mann mit einem Paddelhaken
ausgerüstet.
Für den Nachmittag war
eine Besichtigung in Goldap vorgesehen, wo ein Neuwieder
Werk eine Zweigniederlassung hat. Als wir aber am Ende des Dschungels
vor der Einfahrt zum See "Stregiel" die vom Sturm aufgewühlten
hohen Wellen entdeckten, war uns klar, hier ist für heute Schluß.
Die Boote holten wir aus dem Wasser und es folgte ein 2 Km langer
Fußmarsch zu einer Straße, wo wir den herbeigerufenen
Bus erwarteten. Mit etwas Verspätung kam er dann auch, es war
inzwischen 3 Uhr und um diese Zeit erwartete man uns in Goldap.
Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn nicht der Bus
seinen Geist aufgegeben hätte. Per Handy wurde ein Ersatzbus
bestellt, der in einer halben Stunde dasein sollte. Es wurden aber
3 Stunden daraus. Polnische Stunden dauern eben etwas länger,
scherzte man, denn die gute Laune blieb erhalten. Nur einer saß
auf heißen Kohlen. Das war Schorsch Jungblut, der dieses
Meeting arrangiert hatte. Er hat in der Zeit sicher 6 mal telefoniert
und die ständig wachsende Verspätung entschuldigt. Schließlich
mußte das Ganze doch abgesagt werden. Es wäre bestimmt
ein schönes Fest geworden, denn es war neben einer Werksbesichtigung
auch ein Nachmittagskaffee und ein Grillabend vorgesehen.
2.
Rudertag. Bei der Überquerung des "Stregiel"
Sees , mit der anschließenden Passage in den "Swiecajty"
See, hatten wir glattes Wasser. Die Buchten am südlichen Ufer
des "Jezioro Swiecajty", wie der See auf polnisch heißt,
ruderten wir aus, um das Loch zum "Mamrysee" nicht zu
verpassen. In einem winzigen Fischereihafen gleich am Anfang der
Mamrysees machten wir die Boote fest und nach einem kleinen Fußmarsch
erreichten wir die Ortschaft Kal, wo uns eine freundliche
Wirtin 2cm dicke Pizzas servierte, die wir mit viel wohlschmeckendem
polnischen Bier gut herunterspühlen konnten. Am Tagesziel "Wegorzewo"
(Angerburg) erwarteten uns Bus und Bulli mit dem Hänger. Abriggern
und Verladen klappte schon viel besser.
3.
Rudertag. Die Fahrtleitung überraschte uns mit einer
ca. 100 Km langen Fahrt zum "Jezioro Nidzkie",
einem im Halbkreis langgezogenen See, der in "Nida" endet.
In einer abenteuerlichen Fahrt über schmale Waldwege fanden
wir eine Einstiegstelle in einer Lichtung an einem Anglersteg. Abladen,
aufriggern einsetzen und nach Möglichkeit zusammen bleiben.
Obwohl in jedem Boot ein Handy war, klappte die Verbindung nicht
immer. Entweder nicht eingeschaltet, oder zu tief im Seesack, oder
der Ruf wurde im Palaver überhört. Es wäre sicher
auch ohne gegangen, denn verfahren konnte man sich nicht. Zu beiden
Seiten des Sees erstreckte sich ein riesiges Waldgebiet, das uns
den Wind abhielt. Bevor wir an der Marina "Daza" zur Mittagspause
festmachten, konnten wir uns gerade noch vor einem Regenschauer
unter schützende Bäume retten. Das war auch eine günstige
Gelegenheit um Dünnsäure zu verklappen, denn Anlegemöglichkeiten
waren selten. Keine große Kilometerleistung hatten wir an
diesem Tag, aber ein eindrucksvolles, landschaftliches Erlebnis.
In der Marina von "Ruciane-Nida" durften wir die
Boote im Wasser lassen.
4.
Rudertag. Wenn auch die Fahrt mit dem Bus vom Hotel zu
den Booten lang war, wir genossen die einmalig schöne Landschaft,
in der unter Anderem auch unzählige Störche brüteten
und auf den Feldern Futter suchten für ihren Nachwuchs. Der
4. Tag sollte uns noch einen besonderen Leckerbissen der Seen und
Flußlandschaft bieten. Vor der Schleuse "Guzianka"
mußten wir lange warten weil ein Fahrgastschiff der Vorrang
hatte. Aber dann fuhren noch einige Segelyachten hinter uns in die
Kammer, deren Wände schräg waren. Unten angekommen war
es schließlich ziemlich eng. Auf dem "Beldany"
See begegneten wir unzähligen Segelbooten, die mit ihren
weißen Segeln und dem traumhaften Hintergrund ein dankbares
Fotomotiv boten. Die Mittagspause auf dem Campingplatz "Kamien"
dauerte etwas zu lang. Aber der Durst einiger Ruderer mußte
zuerst gelöscht werden, bevor es wieder in die Boote ging.
Die letzten Kilometer bescherte uns mit dem Fluß "Krutynia"
noch einen Leckerbissen besonderer Art. In vielen Windungen, mitunter
von kleinen Seen unterbrochen schlängelte sich der Fluß
durch eine Urwaldlandschaft. Den vielen Kanufahrern, die uns begegneten
konnte man oft nur mit Mühe ausweichen. Große Probleme
gab es allerdings nicht, nur quälte einige das letzte Bier
und Anlegemöglichkeiten waren auch hier sehr selten. In "Nowy
Most" erwartete und der Landdienst mit Bus und Bulli. Abriggern
und verladen waren inzwischen Routinesachen.
5. und letzter
Tag. Wir gingen nur mit 3 Booten
aufs Wasser, weil einige die Wallfahrtskirche Heiligelinde
besuchen wollten. Es war nur eine kleine Fahrt in den "Tajtysee"
vorgesehen, weil wir gegen Mittag den neuen Standort für die
Ruderboote in Masuren besichtigen wollten Dieser liegt unmittelbar
vor dem Eingang zum Kanal Gizycki, der durch Gizycko (Lötzen)
verläuft. Der neue Standort ist ein Glücksfall, denn er
liegt in einer gepflegten Parkanlage in ruhigem Gewässer geschützt
durch vorgelagerte Inseln. 2 lange Stege ermöglichen ein bequemes
anlegen, als ob sie für Ruderer gemacht wären.
Auf dem Heimflug von Warschau,
bei strahlendem Wetter, gingen unsere Gedanken noch mal zurück
an die erlebnisreiche Wanderfahrt in dem wunderschönen Land
Masuren. Der Eine oder Andere wird sicher irgendwann noch mal hierhin
zurückkommen.
Rolf Petry