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NRG trauert um
Ria Maternus
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Nachruf
von Rolf Petry |
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FAZ-Artikel
von Norbert Blüm |

Ria Maternus
2001
Nachruf
(von Rolf Petry)
Am
Samstag, dem 24.November verstarb unser Mitglied Ria Maternus.
Nur die älteren Mitglieder können sich noch an sie erinnern. Als gebürtige
Neuwiederin lebte sie seit Jahrzehnten in Bad Godesberg. Sie war die Inhaberin
des berühmten "Weinhauses Maternus,"in dem die Prominenz aus Politik und
Wirtschaft verkehrte. Um nur wenige zu nennen waren das: Konrad Adenauer,
Willi Brand, Ludwig Ehrhard, Gerhard Schröder, Hans Dietrich Genscher,
ja selbst Könige, Präsidenten, Künstler, Wirtschaftsbosse, und der Hochadel
waren bei ihr zu Gast.
1977 war sie als Gast bei einem der Nostalgieabende, die Rolf Petry, Wolfgang
Koschin, Hermann Reinhard und Wilfried Lichterfeld im Bootshaus der Neuwieder
Ruder-Gesellschaft veranstalteten. Sie war von der Aufführung so begeistert,
daß sie spontan Mitglied wurde. Daß sich Menschen finden, die aus reinem
Idealismus anderen Leuten Freude schenken, waren ihre anerkennenden Worte.
Sie wäre im nächsten Jahr mit der silbernen Ehrennadel der NRG ausgezeichnet
worden. In Dankbarkeit und stiller Trauer nehmen die Mitglieder Abschied
von ihr und setzen zum Zeichen die Hausflagge auf Halbmast. Die Beisetzung
fand am Freitag dem 30. November auf dem Friedhof in der Elisabethstraße
in aller Stille statt.
Rolf Petry
Beichtmutter der Bonner Republik
(von Norbert Blüm, Bundesminister a.D.)
Die kleine, zarte Ria hat die Großen dieser Erde bewirtet - Truman,
Eisenhower, Kennedy, Nixon, Reagan, de Gaulle, Wilson, Heath, Kreisky,
Gorbatschow und viele andere. Und wer hierzulande in Bonn etwas galt oder
gelten wolte, hat das Weinhaus Maternus in Bonn-Bad Godesberg besucht.
Ria Maternus blieb bis ins hohe Alter ein rheinisches Mädchen. Und
wer darunter eine bodenlose Fröhlichkeit versteht, hat weder Ria
noch das Rheinland verstanden. Ria Maternus war mit großer Sensibilität
begabt und fest verwurzelt im rheinischen Mutterboden, der bekannlich
eine Kulturlandschaft ist. Deshalb ist Sie abseits der Staatsbühne
auch so etwas wie die Beichtmutter der "Bonner Republik" geworden,
und wie für den Beichtvater galt für sie auch das Beichtgeheimnis
Ja, sie hätte viel zu erzählen gehabt, wenn sie gesprochen hätte.
Über Vertrauliches aber sprach eine Frau wie Ria nie. Deshalb ist
Ria Maternus so etwas wie ein nicht geschriebenes Buch der Nachkriegsgeschichte
gewesen. Geheimnisse verschwanden in ihrem Herzensgrab.
Ärztin wollte sie werden. Bei den Nonnenwerther Franziskanerinnen
ging sie in die Schule. Fünf Semester hat sie Medizin studiert. Aber
dann wechselte sie doch in das Fach, das ihre Mutter schon beherrschte.
Sie wurde Wirtsfrau. Eigentlich wollte Sie ihren Eltern nach dem Krieg
nur etwas zur Hand gehen im "Goldenen Karpfen" in Neuwied, in
dem schon Kaiser Wilhelm II tafelte.
Von ihrem Traumberuf als Arzt ehielt sie jedoch eine ganz besondere Therapierichtung
bei: das Zuhören. Das ist eine besondere Naturheilkunde. Die Fähigkeit
zum Zuhören hat Ria zeitlebens ausgezeichnet. Sie ist möglicherweise
die Grundaustattung der Menschenfreundschaft.
Selbst mit dem Rücken zur Tür bemerkte sie jeden nochso leise
eintretenden Gast. Sprang auf, begrüßte, umarmte, Küßchen
rechts, Küßchen links: Das gehörte zum Ritual und gab
jedem das Gefühl, gerade auf ihn habe Ria den ganzen Abend gewartet.
Sie war ein homo politicus ohne große Worte. Denn politisch blieb
sie ein Leben hellwach. Wahrscheinlich hat sie von Politik mehr verstanden
als mancher Politologe. Ihre Universität war das Leben.
In ihrem lauten Lachen und verschmitzten Lächeln, in ihren freundlichen
Augen und in ihren herzlichen Umarmungen waren mehr als nur verbale Botschaften
enthalten. Und wenn es sein mußte, tanzte sie auf dem Tisch.
Jetzt wird sie mit dem lieben Gott tanzen. Denn, so vermute ich, sie glaubte
immer an den "lieben" Gott.
Sie wird uns fehlen.
Norbert Blüm
(Der Autor war von 1982 bis 1998 Bundesminister für
Arbeit und Sozialordnung)
Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.11.2001 Nr. 278
Feuilleton, Seite 56 - auszugsweise Wiedergabe -
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